Das Getting Ready – der unterschätzteste Foto-Moment des ganzen Hochzeitstags

Bisher ging es in dieser Serie viel ums Planen: Ablauf, Gästeliste, Reden. Heute springen wir an den Morgen des großen Tages selbst – in die Stunden, die auf keiner Einladung stehen und die trotzdem zu den intensivsten des ganzen Tages gehören. Wenn beim Budget gespart werden muss, fliegt das Getting Ready oft als Erstes aus dem Fotopaket. Verständlich – und nach vielen Jahren auf Hochzeiten sage ich euch trotzdem: Genau hier entstehen nicht die spektakulärsten Bilder des Tages, aber die ehrlichsten. Am Morgen trägt noch niemand eine Rolle. Die Aufregung ist echt, das Lachen ungeschminkt (im wahrsten Sinne: erst halb), und im Raum sind genau die Menschen, die euch am nächsten stehen. Diese Ruhe kommt später nicht wieder.

Was an diesem Morgen wirklich passiert

Das Getting Ready ist mehr als Schminken und Anziehen. Es ist die Stunde der kleinen Rituale: der Sekt mit den Freundinnen im Morgenmantel, die Mutter, die beim Zuknöpfen des Kleides plötzlich still wird, der Griff zum Schmuck, der schon der Großmutter gehörte. Ein paar Türen weiter bindet der Bräutigam zum dritten Mal die Krawatte, während seine Jungs Sprüche machen, die vor allem die eigene Nervosität übertönen sollen. Aus diesen Minuten stammen hinterher die Bilder, bei denen Paare sagen: „Genau so hat es sich angefühlt." Und ganz nebenbei entstehen jetzt auch die Detailaufnahmen – Kleid, Ringe, Schuhe, Einladung –, solange alles noch unberührt ist.

Der Gewöhnungseffekt – das Argument, das kaum jemand kennt

Stellt euch kurz das Gegenteil vor: Die Trauung beginnt um zwölf, der Fotograf steht ab halb zwölf vor dem Standesamt oder Kirche, und als ihr mit dem Hochzeitsauto vorfahrt, seht ihr ihn zum ersten Mal. Was passiert? Die ersten Bilder geraten verkrampft, denn die Scheu vor der Kamera muss erst weichen – ausgerechnet in den wichtigsten Minuten. Beginnt die Begleitung dagegen schon am Morgen, habt ihr ein, zwei Stunden Zeit, euch aneinander zu gewöhnen. Erfahrungsgemäß nehmen Paare die Kamera danach gar nicht mehr wahr – und ab da entstehen die natürlichen Bilder, für die ihr einen Fotografen ja eigentlich bucht. Der Nebeneffekt: Auch eure engsten Menschen kennen mich dann längst, die stehen ja beim Ankleiden mit im Raum. Der Einstieg in die Hochzeitsgesellschaft ist erledigt, bevor die Gesellschaft überhaupt da ist.

Der häufigste Einwand dagegen kommt übrigens immer von der Braut: „Ich bin doch eh schon aufgeregt, da stören Fotos nur." Ich höre den Satz seit Jahren im Vorgespräch – und eingetreten ist dieser Fall noch kein einziges Mal. Hinterher waren alle froh, sich anders entschieden zu haben.

So plant ihr den Morgen richtig

Die wichtigste Regel heißt: Licht schlägt Luxus. Das schönste Hotelzimmer nützt nichts, wenn es dunkel ist – ein Raum mit großem Fenster und Tageslicht ist die halbe Miete, und geschminkt wird am besten direkt am Fenster. Das freut übrigens auch eure Visagistin. Danach kommt die unromantischste aller Hochzeitsweisheiten: Räumt auf. Chipstüten, Ladekabel und Plastiktüten wandern sonst auf jedes Foto mit; zehn Minuten Ordnung, und jedes Bild gewinnt. Plant außerdem Puffer ein – Styling dauert immer länger als gedacht, wirklich immer, und wer den Morgen auf Kante näht, startet gehetzt statt voller Vorfreude. Überlegt euch auch bewusst, wer dabei sein soll: Drei, vier Vertraute sind ideal, zehn Personen im Zimmer bedeuten zehn Meinungen zum Lippenstift und keine ruhige Minute für euch. Und legt die Details an einen Ort – Kleid auf einem schönen Bügel, Ringe, Schuhe, Einladung –, dann entstehen die Stillleben, während ihr noch in der Maske sitzt.

Fast vergessen, wie so oft: der Bräutigam. Dabei liefert die Männerrunde regelmäßig die entspanntesten Bilder des Tages – weniger Zeremonie, mehr Witz, echte Freundschaft. Wenn die Zeit es zulässt, pendelt der Fotograf zwischen beiden Räumen; und wer mag, plant den First Look gleich im Anschluss. Wie besonders dieser Moment werden kann, haben wir bei der Hochzeit im Landgoed Huis de Voorst gesehen.

Und denkt daran: Angezogen wird nur einmal

Wenn ihr überlegt, wo ihr beim Fotografen kürzt – nicht hier. Die Trauung hat Zeugen, die Party hat Gäste, aber das Getting Ready habt nur ihr. Es ist das einzige Kapitel eures Tages, das sich nicht nachstellen lässt. Und alles, was danach kommt, wird besser, weil ihr die Kamera bis dahin längst vergessen habt.

Nächstes Mal: Was kostet ein Hochzeitsfotograf? Warum gute Hochzeitsfotografie kostet, was sie kostet – und woran ihr erkennt, wofür ihr wirklich bezahlt.

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Die Oma-Frage: So gelingt die Hochzeitsrede