Der Ablauf eures Hochzeitstages – so plant ihr ihn realistisch
Nach vielen Jahren als Hochzeitsfotograf habe ich einen Satz öfter gedacht als jeden anderen: „Warum hat denen das keiner vorher gesagt?" Deshalb diese Serie – die Dinge, die ich Brautpaaren sage, wenn sie mich fragen. Und manchmal auch, wenn sie nicht fragen. Heute: der Zeitplan eures Tages – und wo die Zeit wirklich verschwindet.
Der Morgen: Rechnet doppelt
Für das Styling der Braut plant ihr am besten drei bis vier Stunden ein – Haare, Make-up, Kleid, plus eine halbe Stunde Puffer für Nervosität. Die braucht ihr. Nicht, weil etwas schiefgeht, sondern weil an diesem Morgen alles ein bisschen länger dauert: Die Hände zittern leicht, die beste Freundin muss zwischendurch weinen, und irgendwer sucht immer die Schuhe. Der Bräutigam ist dagegen in einer Dreiviertelstunde fertig und fragt sich, was er mit dem Rest des Vormittags anfangen soll. Mein Tipp: Holt eure Liebsten schon zum Getting Ready dazu – die Bilder von diesen Stunden gehören später zu den emotionalsten des ganzen Tages, weil da die Vorfreude noch ungefiltert ist. Ach, und ein aufgeräumtes Zimmer sieht auf Fotos auch deutlich besser aus. ;)
Trauung und Gratulation: Der unterschätzte Zeitfresser
Die Trauung selbst dauert je nach Form 5 bis 60 Minuten – aber dann kommt der Teil, den fast jedes Paar unterschätzt: die Gratulationen. Bei 60 Gästen, die alle umarmen, gratulieren und ein Foto machen wollen, vergehen locker 60 bis 90 Minuten. Plant das ein, sonst frisst es euer Paarshooting. Und eine Warnung aus leidvoller Beobachtung: Wenn du einen Schleier trägst, wird beim Umarmen daran gezogen – unabsichtlich, aber zuverlässig. Entweder ihr bittet die Gäste, mit dem Gratulieren bis zur Feier zu warten, oder ihr habt jemanden dabei, der den Schleier neu stecken kann.
Aktuell ist es ein kleiner Trend, aus den eben genannten Gründen auf das Gratulieren nach der Trauung zu verzichten. Ich persönlich würde es aus Fotografensicht aber trotzdem empfehlen, da dies eine perfekte Möglichkeit ist, sehr viele Gäste einzeln und freudestrahlend abzulichten. Das sind ganz oft die Fotos, die dann in Profilbildern zu sehen sind, weil sie ungezwungen und sympathisch wirken.
Empfang, Fotos, Essen: Die goldene Reihenfolge
Der Sektempfang dauert erfahrungsgemäß ca. 1–1,5 Stunden – hier kommen Geschenke und Glückwünsche. Das Gruppenfoto macht ihr am besten ganz am Ende des Empfangs, wenn noch alle beisammen sind, und die Familienfotos direkt im Anschluss: Die Familie steht ja schon da, und die übrigen Gäste können derweil ihre Plätze suchen. Diese Reihenfolge spart euch das mühsame Zusammensuchen von Onkel Peter, der gerade am Buffet verschwunden ist – glaubt mir, ich habe Onkel Peter oft gesucht.
Danach: Eröffnungsrede, Essen (anderthalb bis zweieinhalb Stunden), Eröffnungstanz, Party. Wenn ihr Spiele plant, sprecht das Timing vorher mit dem DJ ab – sonst kämpfen Spiele und Tanzfläche gegeneinander.
Allgemein: Hört auf den (guten) DJ. Der hat im besten Fall Erfahrung. Die Musik kann den Abend tragen oder sehr stark ins Stocken bringen.
Drei Dinge, die euch keiner sagt
Klärt mit der Location, bis wann gefeiert werden darf und was die Getränkepauschale wann abdeckt – das steht im Kleingedruckten und überrascht sonst um 23 Uhr. Bei der Hochzeitstorte bleibt fast immer mehr übrig als gedacht: Wenn sie nicht als optisches Monument gebraucht wird, reicht eine kleinere – und wer sie schon beim Empfang anschneidet, gibt den Gästen den ganzen Abend Zeit zuzugreifen. Und: Wer feiert, hat Hunger. Eine Currywurst um Mitternacht ist unspektakulär geplant und wird jedes Mal gefeiert wie der Eröffnungstanz. Vielleicht gibt es ja noch ein paar Pommes dazu. Dann kann keiner widerstehen.
Wann ist Zeit fürs Paarshooting?
Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Vor der Trauung (perfektes Styling, kein Break für die Gäste – aber ihr seht euch vorher; der „First Look" macht daraus einen eigenen Gänsehaut-Moment). Zwischen Trauung und Empfang (klassisch – die Gäste warten zwar kurz, aber ehrlich: Mit 90 Gästen gleichzeitig sprechen könnt ihr sowieso nicht, es merkt also kaum jemand, dass ihr weg seid; nur euer Styling hat dann schon ein paar Umarmungen hinter sich). Oder aufgeteilt in mehrere kurze Runden mit verschiedenen Lichtstimmungen. Meine Erfahrung: Die entspanntesten Bilder entstehen, wenn das Shooting nicht als ein großer Block im Plan steht, sondern als zwei kleine Fluchten aus dem Trubel.
Und ganz wichtig: Viele denken, dass sie unbedingt ganz viele Fotos an unterschiedlichen Locations, in unterschiedlichen Posen machen müssen. Die Realität ist: Ihr seid keine bezahlten Topmodels, und der Tag ist schon anstrengend genug. Länger als 1–1,5 Stunden haltet ihr konditionell sowieso nicht durch, denn es ist anstrengend, sich fotografieren zu lassen – zumindest, wenn man es nicht gewohnt ist. Und lange Fahrten von Location A zu B zu C zu D kosten zu viel Zeit – außer, es ist wirklich ein ganz besonderes Motiv, das etwas mit euch zu tun hat. Aber für irgendein x-beliebiges Fotomotiv eine Stunde im Auto zu sitzen, ist keine gute Idee. Konzentriert euch lieber auf ein, zwei Locations, die tolle Fotos ermöglichen – und sprecht eure Vorstellungen am besten vorher mit dem Fotografen ab. Der hilft euch bei der Planung.
Plant bis zur Hochzeit alles genau durch – und nehmt dann am Tag selbst die Dinge, wie sie kommen. Genau dafür habt ihr ja geplant. Und hey: Es wird vielleicht eine Menge schiefgehen – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber genau das macht doch den Charme einer tollen Hochzeit aus.
Nächstes Mal in dieser Serie: wie ihr Stress am Hochzeitstag vermeidet – mit der Geschichte vom Bräutigam, der heimlich ein zweites Brautkleid kaufte.